|
"Vom Schmerz:
Ist er unerträglich, so führt er zum Tode,
dauert er fort, so läßt er sich ertragen.
Durch Sammlung in sich selbst bewahrt dabei
die denkende Seele ihre Heiterkeit, und die
in uns herrschende Vernunft erleidet keinen Schaden.
Was die vom Schmerz beschädigten Glieder betrifft,
so mögen sie, wenn sie können, darüber sprechen."
Marc Aurel, Selbstbetrachtungen.
"Unmittelbar gegeben ist
uns immer nur der Mangel,
d. H. der Schmerz. Die Befriedigung
aber und der Genuß können wir nur
unmittelbar erkennen, durch
Erinnerung an das vorhergegangene
Leiden und Entbehren, welches bei
seinem Eintritt aufwarte."
Arthur Schopenhauer,
Einleitung
Die Dichtung begleitet seit alten Zeiten die abendländische Kultur und kreist, wie sollte es anders sein, in ihren Themen und Motiven um Leid, Schmerz, Glück und Liebe, Befindlichkeiten, die das Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod am meisten prägen. Gerade die Dichter haben sich von der Antike bis zur Gegenwart dabei zutiefst mit dem menschlichen Phänomen des Schmerzes in unendlich vielen Texten in Form von Tragödien, Essays, Gedichten und Epigrammen beschäftigt.
Denn Schmerzen in ihrer breiten Skala an Empfindungen sind nicht nur die ersten unangenehmen Erfahrungen des Menschen, wie Immanuel Kant (1724-1804) in seiner "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" (1798) schrieb, sondern sie bestimmen häufig auch die Wochen und Tage die seinem Sterben vorausgehen.
"Wie komplex die Mechanismen des Schmerzes sind und wie rätselhaft: die Literatur mit ihrem unerschöpflichen Fundus an dargestellter Welterfahrung beweist es uns zur Genüge. Kein Leiden, das nicht in ihr bewahrt, kein Schmerzerlebnis, das von ihr nicht überliefert worden ist".
Siegfried Lenz, über den Schmerz
|
Von den Epen Homers im 9. Jahrhundert vor Christus ausgehend über das Mittelalter und die Barockzeit zur Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert bis zur Entfaltung der klinischen Medizin seit 1870. So schließt die Literatur etwa von Shakespeare (1565-1616), Ephraim Lessing (1729-1781), von James Joyce (1882-1941), Franz Kafka (1883-1924), Georg Heym (1887-1912) oder Fernando Pessoa (1888-1935) an die antiken Tragödien an. Der leibseelische Schmerz, das Bewältigen und Ertragen in allen Schattierungen ist immer wieder dargestellt worden.
In diesen dichterischen Beschreibungen und Reflektionen über den Schmerz als dem ständigen Begleiter des menschlichen Daseins sind immer auch Fragen nach den Ursachen, nach dem Wesen und dem Sinn dieser Leiderfahrung gestellt worden. Diese literarischen Darstellungen haben sich stets auch darum bemüht, das Gleichnishafte dieses den Menschen in seiner Existenz so beeinträchtigenden Gefühls, das quälend, behindernd und verletzend ist, zu erfassen.
Der Philosoph Voltaire (1694-1778) hat, wie auch später Schopenhauer (1788-1860), den Schmerz als die eigentliche Essenz des menschlichen Lebens betrachtet. In seinem Werk "Über das Gute und Böse in der physischen und moralischen Welt" (1764) schreibt er sehr deutlich:
"Ein für den Schmerz fühlloser Mensch wäre also ein ebenso contradictorischer Begriff, als ein unsterblicher Mensch. Das Gefühl des Schmerzes war notwendig, um uns das Gesetz der Selbsterhaltung einzuschärfen und uns soviel angenehme Empfindungen zu verschaffen, als die allgemeinen Gesetze, denen alles unterworfen ist, gestatten."
Voltaire, über das Gute und Böse in der physischen und moralischen Welt, 1764
|
Schopenhauer sieht es noch pointierter, ja drastischer: das Ziel des Lebens ist für ihn Schmerz. Der Schmerz, den Schopenhauer als negativen Pol des Menschsein zum Lebensglück betrachtet, hat sich schon zu Beginn der Geschichte des Abendlandes in den phantasiereichen Mythen und gefühlsstarken Dramen der Griechen fest eingeschrieben. Schon die antiken Künstler bauten den Stoff ihrer Tragödien und Komödien um die Gegensatzpaare Sieg und Niederlage, Liebe und Tod, Glück und Schmerz. So stellten sie den Liebesgöttern wie Eros und Amor den Todesgott Thanatos gegenüber. Beim Empfinden, Ertragen und Bekämpfen des Schmerzes, das ahnten schon die antiken Dichter ebenso wie die damaligen Ärzte, handelt es sich um einen sehr komplexen leibseelischen Vorgang, der die tiefsten Schichten des Menschseins berührt. Selbst in der Gegenwart, in der die seit drei Jahrzehnten sich entwickelnde naturwissenschaftliche Schmerzforschung die physiologischen Vorgänge weitgehend aufklären konnte, bleibt manches noch geheimnisvoll. Man kann nicht darüber hinweg sehen, dass der Schmerz eben nicht allein eine biologisch-physiologische Schutzfunktion darstellt, welche im Körper, in der Haut und im Nervensystem lebenserhaltend verankert ist, sondern auch ein multifaktorielles Geschehen bedeutet. Als unangenehmes, belästigendes Gefühl kommt er im Bruchteil von Sekunden ins menschliche Bewusstsein, wo der Schmerz zu einer Erfahrung wird, die man mit allen Mitteln bekämpfen will. Nach heutigem Wissensstand um den Schmerz lässt es sich kaum voraussagen und abschätzen, wie das menschliche Individuum bei leibseelischen Gebrechen oder Katastrophen, die ihn quälend treffen, sei es ein Magengeschwür, eine chronische körperliche Verletzung, ein Migräneanfall oder ein tragischer Verlust, jeweils damit umgeht. Man weiß allerdings seit alten Zeiten aus Erfahrung, dass das Bewusstwerden von Schmerzen ebenso wie die Einstellung zum Sterben von kulturellen, sozialen und religiösen Verhältnissen und von genetischen Faktoren beeinflusst wird (Abb. 1).
 |
Abb. 1:
D. S.: Zwei Sterbeszenen, um 1510. Blick in zwei Schlafkammern, in denen links ein Ungläubiger und rechts ein Gläubiger stirbt. |
|